Die sozialen Rapper (KstA Artikel)

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Die Musiker haben Gewalt, Drogen und Benachteiligung selbst erlebt. Jetzt wollen sie Vorbilder sein. Das „Strassenkinda Movement“ rappt für benachteiligte Viertel und Jugendliche in der Stadt und wollen auf diese Weise etwas verändern.

Die Mitglieder von „Strassenkinda Movement“ (Bild: Grönert)

Köln - „Siehst du, was los ist?“, rappt Raoul alias OPR, „in meiner Gegend hier, wo Kinder nicht mehr träumen und die Existenzangst groß ist.“ Der Song, den er mit der 21-jährigen Sängerin Aurelia aufgenommen hat, darf getrost als musikalisches Motto einer Bewegung gelten, die unter dem Namen „Strassenkinda Movement“ wachsen will: „Deutschland steht auf - da, wo der Dom ist.“

 

Raoul und Aurelia sitzen mit sechs anderen Kölner Hip Hoppern in einem zum Tonstudio umgebauten Ein-Zimmer-Apartment im Hinterhof eines Ehrenfelder Gewerbegebiets - zwei Plattenspieler, Computer und eine zusammengezimmerte muffige Kabine, in der sie ihre Reime ins Mikro rappen. Sie berichten vom Leben in ihren Vierteln, die Politiker „sozial benachteiligt“ nennen, erzählen von Kriminalität, Drogen oder Verwahrlosung - und kämpfen gegen das weit verbreitete Gangster-Image ihrer Musik an.

Sie wollen zurück zu den eigentlichen Werten der Hip Hop-Kultur, zu Toleranz und sozialem Engagement. „Bevor Rap zum bloßen Produkt verkommen ist, war er etwas, womit man was bewegen wollte“, sagt ein 24-Jähriger, der sich „Dr. Knarf“ nennt. Die großen Stars des deutschen Hip Hop, die mit gewaltverherrlichenden und frauenfeindlichen Texten das Image der Musik prägen, sind hier verhasst.

Von Gewalt und Kriminalität kann „Dr. Knarf“ mehr erzählen als die meisten, „die sich als Rapper die Taschen voll machen und nicht die Langzeitfolgen bei den Jugendlichen beachten“. Er sei zeitweise in Frauenhäusern groß geworden, weil seine Mutter immer vor dem Vater flüchten musste. Schließlich landete er selbst wegen versuchten Totschlags ein halbes Jahr im Gefängnis. „Ich habe Glück gehabt“, sagt „Dr. Knarf“. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. Während der U-Haft habe er eingesehen, „dass es das nicht sein kann“. Heute studiert er Medienwirtschaft.

Jugendliche brauchen Vorbilder

„Die Jugendlichen brauchen andere Vorbilder als den Hartz IV-Empfänger, der im Viertel Drogen verkauft“, sagt ein 25-Jähriger, der sich selbst den Namen „Amok“ gegeben hat. „Wir können unsere Erfahrungen weiter geben und den Leuten helfen. Die Jugendlichen hören auf uns eher als auf Eltern, Lehrer oder Sozialarbeiter.“ Er selbst habe „derbe viel Mist erlebt“, geprügelt und Drogen verkauft. Die Kurve habe er bekommen, als sein Vater starb. „Da habe ich gemerkt, dass ich Verantwortung übernehmen muss.“

 

Ob man es schafft oder nicht, hänge letztendlich von jedem einzelnen ab, sagt der 22-jährige Norman, in der Szene als „Sultan HD“ bekannt. Doch das könne ganz schön schwer werden, „wenn man die falschen Freunde hat oder im falschen Viertel wohnt“. Es fehle an Unterstützung, aber vor allem auch an Wertschätzung der vielen Jugendlichen in der Stadt, finden die Musiker. „Man holt die Potenziale nicht aus den Kindern raus“, meint James Alan Davis, der in Heimen und Hochhaus-Siedlungen aufgewachsen ist. Der heute 32-Jährige macht seit 17 Jahren Musik. Seine Devise sei gewesen: „Proberaum statt Straße.“ Sie taugt als Leitlinie für eine gute Jugendhilfepolitik. Doch anstatt die Kinder zu fördern, würden sie abgestempelt.

Das hat auch sein Bruder erlebt, der im zweiten Schuljahr als schwer erziehbarer Sonderschüler aussortiert wurde. Nachdem ihn sein Lehrer als „Neger“ beleidigt habe, habe er zugeschlagen. Die Folgen spürt der arbeitslose Juju Davis (34) bis heute. Irgendwann sei er an der Schule nur noch vorbei gegangen und habe lieber auf der Straße rumgehangen. Geändert habe sich seine Einstellung zum Leben, als er mit 21 Vater wurde. „Plötzlich wurden andere Dinge wichtig. Trotzdem habe ich noch drei Jahre gebraucht, um aus meiner alten Clique raus zu kommen.“ Davis, ehemaliger Sonderschüler aus Chorweiler, hat heute selbst Kinder - sie gehen aufs Gymnasium. „Unter der Biografie und dem Image ihres Vaters müssen sie aber weiter leiden.“

Dabei haben sie allen Grund stolz zu sein: Das „Strassenkinda Movement“ will sich für die benachteiligten Viertel und Jugendlichen, die dort leben, einsetzen. Es bleibt nicht bei Reimen und politischen Forderungen nach mehr Unterstützung durch diejenigen, die in Staat und Stadt das Geld verteilen. Trotz kleinstem finanziellen Spielraum organisieren die Künstler selbst Benefiz-Veranstaltungen. Mit eigenen Mitteln haben sie die Produktion der bemerkenswerten CD, das „Strassenkinda Movement Mixtape Vol.1“, auf die Beine gestellt und sie hinterher verschenkt (siehe „Große Party im Underground“). „Jeder kann im Rahmen seiner Möglichkeiten was machen“, sagt Organisator Philipp Neuhaus. „Wir wollen was verändern.“